Man erlebt im Leben diese seltenen Momente, in denen man Zeuge von etwas wird, das für immer und ewig im Gedächtnis bleibt. Für Sportfans ist es vielleicht ein Tennismatch mit Roger Federer oder ein Basketballspiel mit Dirk Nowitzki. Für Musikfans ein Konzert mit Michael Jackson, auf dem man war. Für mich war es ein unscheinbarer Grieche, der in Las Vegas kurzzeitig größer wurde als jede Neonreklame der Stadt. Ein Spieler, der eine komplette Casinowelt kurzzeitig aus dem Gleichgewicht brachte und zum bekanntesten Zocker der Welt wurde: Archie Karas.
Ich lebte damals selbst in Vegas und bekam von Anfang bis Ende mit, wie sich eine Legende formte. Es war eine Zeit, in der die Stadt ohnehin jede Nacht neue Geschichten schrieb. Doch keine war ansatzweise so unfassbar wie diese.
Von der Küche an den Billardtisch
Archie wuchs in Griechenland auf und verließ bereits als Teenager seine Heimat. Er wollte in die große weite Welt. Er heuerte auf einem Schiff als Koch an, schlug sich durch, strandete irgendwann in Los Angeles und arbeitete dort in einem Restaurant. Der eigentliche Teil seiner Geschichte spielte sich aber direkt nebenan ab: im Billardsalon, wo er nächtelang Pool spielte, bis er besser war als alle, die sich mit ihm anlegten. Das Kellnern wurde sehr schnell zur Nebensache. Sein Geld verdiente er mittlerweile am Billardtisch. Und als in LA irgendwann keiner mehr gegen ihn antreten wollte, wechselte er einfach das Spiel: Poker.
Wer ihn damals erlebt hat, sagt, dass er ein Talent dafür hatte, aus sehr wenig sehr viel zu machen – und dann manchmal auch wieder auf null zu fallen. Typisch Archie eben.
Ein Ticket nach Vegas – mit 50 Dollar in der Tasche
Mit 50$ in der Tasche hatte er dann irgendwann (Dezember 1992) genug von Los Angeles und ging nach Las Vegas. Auch hier zog er zunächst durch die Billardsalons um ahnungslose Touristen zu hustlen und überleben zu können. Nachdem er wieder eine passable Bankroll zusammen hatte, ging es an die Pokertische um sich nicht viel später gleich mit den Schwergewichten der damaligen Szene zu duellieren. Zum ersten Male fiel er mir im Pokerroom von Binions Horseshoe in Downtown Las Vegas auf. Während ich wie fast jeden Tag in den Baby-Limits zockte um mir meinen Lebensunterhalt auf harte Art und Weise mit nicht unter 8 Stunden pro Tag am Tisch zu verdienen, so saß Archie Karas auf einmal mit den ganz schweren Jungs am Tisch.
Mit Doyle Brunson (†), Johnny Chan, Stu Ungar (†), Chip Reese (†) und Bobby Baldwin. Manchmal war auch Jerry Buss (†), der damalige Besitzer der Los Angeles Lakers, mit von der Partie. Während ich $4-8 Limit Holdem spielte, so spielten die Jungs $300-600 oder noch höher. Mittendrin Archie. Der Grieche, der Wochen zuvor nicht einmal wusste, wie er nachts sein Hotelzimmer bezahlen sollte. Aber ein Archie Karas im Lauf war halt schwer zu besiegen und dies mussten auch Doyle Brunson & Co. anerkennen. Und so hatte Archie schnell wieder die erste, dann auch die zweite Million Dollar zusammen. Irgendwann reichten und reizten ihn die Pokerpartien nicht mehr und er entdeckte eine neue Leidenschaft. CRAPS! Es ging an die Würfeltische und der wohl unglaublichste Run, den Las Vegas jemals gesehen hat, begann. Archie spielte von nun an fast täglich und es war jedes Mal eine einzige Show, wenn er ins Casino kam. Es sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Binnen Minuten bildeten sich dichte Menschentrauben um ihn herum. Security stellte sich im Halbkreis auf. Der Würfeltisch wurde zu einer Arena. Er spielte immer allein, niemand durfte sonst würfeln.
Und dann begann der Wahnsinn. Die 500er Chips war nur die Aufwärmphase. Kurz darauf nur noch 5.000er Chips. Er deckte jedes Feld zu, das man irgendwie setzen konnte. Sobald er eine Zahl traf, presste er die Einsätze weiter. Und der Typ traf. Und traf. Und traf. Fünf Millionen im Plus. Zehn. Fünfzehn. Zwanzig Millionen.
Die Gerüchteküche brodelt
Die ersten Gerüchte zu Archie‘s Spielweise kamen nun ebenfalls auf. Während die einen der festen Ansicht waren, dass er sich einfach nur inmitten eines Mega Laufs befand und halt extrem viel Glück hatte, so behaupteten andere ganz fest, dass er sich jahrelang genau auf diese Crapssessions im eigenen Wohnzimmer vorbereitete. Dass er sich einen alten ausrangierten Craps-Table gekauft und jeden Tag unzählige Stunden geübt habe um die Würfel 3 Meter weit schmeißen zu können, so dass sie punktgenau landeten, dann eben eine Rotation um was weiß ich wie viel Grad um sich selbst machten um dann mit der gewünschten Zahl liegen zu bleiben. Ich tendiere zu Variante A.
Ich stand oft stundenlang daneben. Selbst unsere Pokerrunde wurde einmal unterbrochen, weil alle sehen wollten, was dieser verrückte Typ da veranstaltete – und ich hatte sowas in Vegas bis dahin nie erlebt. Der Besitzer des Horseshoe, Jack Binion, stand bald regelmäßig daneben und beobachtete die Situation mit wachsendem Unbehagen. Einmal waren tatsächlich alle 5.000-Dollar-Chips aus dem Casino im Umlauf – Archie hatte sie quasi aufgesaugt und alle in seinem Besitz. Er wurde gebeten, Teile seiner Chips in Cash zu tauschen, damit andere Gäste an den Spieltischen ausgezahlt werden können. Es war absurd. Am Höchststand seines Runs hatte er rund 40 Millionen Dollar gewonnen. Ein Spieler gegen ein Casino – und der Spieler führte hoch.
Der Moment, in dem die Geschichte kippt
Natürlich hält kein Lauf ewig. Irgendwann kam die Phase, in der die Siebenen häufiger fielen, in der das Glück einfach nicht mehr auf seiner Seite war. Und Archie tat das, was er schon immer tat: Er hörte nicht auf. Innerhalb weniger Wochen verlor er alles. Komplett. Keinen Cent mehr übrig von 40 Millionen.
Lange hörte man nichts von ihm, bis er Jahre später bei einigen Events der World Series of Poker (WSOP) nochmal kurz aufblinkte. Ein kleiner Geldgewinn hier, ein Final Table dort. Aber nichts mehr, das an die alte Zeit erinnerte.
Die erste traurige Schlagzeile kam 2013, als er in Kalifornien erwischt wurde, wie er beim Blackjack Karten markiert hatte. Eine billige Masche, ein paar tausend Dollar Gewinn, 73 Tage Gefängnis. Die nächste traurige Nachricht dann im vergangenen Jahr. Im Alter von 73 verstarb Archie am 29. September 2024 in Las Vegas. Sein letzter Tag war vielleicht ein stiller, vermutlich sogar ein einsamer Tag. Aber sein Name wird für immer ein Teil der Geschichten bleiben, die er schrieb. Archie Karas war sicher kein Vorbild, aber er war definitiv ein Unikat. Was können wir von ihm lernen?
• Wenn man einen sehr guten Lauf hat, dann darf man ruhig mutig sein
• Man muss erkennen, wenn der Lauf endet und zeitig auf die Bremse zu treten
Das gilt nicht nur beim Zocken, sondern eigentlich überall im Leben.
