Das Viertelfinale liegt hinter uns – und wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir von diesen vier Partien schon etwas mehr Dynamik, Emotionen und Feuer erhofft. Spannende Momente gab es, doch der ganz große Fußballzauber wollte sich diesmal nicht so richtig entfalten.
Bemerkenswert ist vor allem eine Entwicklung: Während in der Gruppenphase zahlreiche Außenseiter für Furore sorgten und die kleinen Nationen immer wieder Ausrufezeichen setzten, hat sich am Ende die Qualität durchgesetzt. Im Halbfinale stehen nun exakt jene vier Mannschaften, die von den Buchmachern bereits vor Turnierbeginn als Top-Favoriten auf den WM-Titel gehandelt wurden. Man muss neidlos anerkennen: Die verstehen ihr Handwerk.
Für uns endet mit dem Ausscheiden der Schweiz gleichzeitig auch das DACH-Projekt. Deutschland, Österreich und die Eidgenossen haben uns in den vergangenen Wochen viele Geschichten geliefert – mal zum Jubeln und manchmal zum Kopfschütteln. Schade, dass nun keiner mehr im Rennen ist. Aber eine WM lebt auch davon, neue Helden und neue Geschichten zu schreiben. Mal sehen, wer die letzten beiden Schritte bis zum Titel am überzeugendsten meistert.
Für Pottis WM-Tagebuch bedeutet das zunächst einmal einen kleinen Boxenstopp. Morgen gönnen wir uns einen Tag Pause – es sei denn, es passiert noch etwas Berichtenswertes. Oder unser Praktikant sorgt mal wieder für ungeplante Schlagzeilen. Ganz ausschließen kann man das bekanntlich nie. Am Dienstag dann wie gewohnt mit einer Vorschau auf das Hammer-Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien.
Pottis Playoff-Kompass
Heute Morgen herrschte im Büro eine ungewohnte Stille. Keine Schweizer Fahne auf meinem Schreibtisch. Keine Kuhglocke. Kein „Hopp Schwiiz“ aus dem Flur. Unser Praktikant war verschwunden.
Zunächst machte ich mir tatsächlich Sorgen. Immerhin hatte er in den vergangenen Tagen eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. Vom nächtlichen Hotellobby-Dirigenten bis hin zum scheinbar geläuterten Musterpraktikanten – da durfte man schon hoffen, dass Vernunft eingekehrt war. Doch gegen 10:17 Uhr erreichte mich schließlich eine Nachricht. Kein Text. Kein Emoji. Lediglich ein Foto.
Darauf zu sehen: unser Praktikant am Zürcher Hauptbahnhof. Um den Hals ein Schweiz-Schal, in der Hand ein Koffer und darunter nur ein einziger Satz:
„Ich brauche jetzt erstmal Abstand.“
Die Personalabteilung wertete das zunächst als Urlaubsantrag. Die Buchhaltung sprach von einer spontanen Dienstreise. Ich hingegen vermute, dass er den Viertelfinal-K.o. einfach noch nicht verarbeitet hat. Seinen Schreibtisch hat er übrigens ordentlich hinterlassen. Nur ein kleines Andenken blieb zurück: eine Toblerone, ein Taschenmesser und ein Zettel mit den Worten: „Falls die Schweiz 2030 Weltmeister wird, bin ich wieder da.“
Ich habe den Zettel vorsichtshalber abgeheftet. Man weiß ja nie. Bis dahin führen wir den Pottis Playoff-Kompass wohl wieder ohne Schweizer Sonderwünsche fort. Wobei… so ein kleines bisschen werde ich unseren Praktikanten vermutlich sogar vermissen. Zumindest bis zur nächsten Weltmeisterschaft 😉🇨🇭
Die gestrigen Spiele
Viertelfinale: Norwegen vs. England 1:2 (nach Verlängerung)
Auch diesmal lag meine Spielanalyse wieder ziemlich nah am tatsächlichen Spielverlauf. Dieses Viertelfinale hatte alles zu bieten: Traumtore, VAR-Diskussionen, eine kuriose Spidercam-Szene und Spannung bis zur letzten Minute der Verlängerung.
Norwegen erwischte den besseren Start und ging durch einen sehenswerten Schlenzer von Andreas Schjelderup in Führung. England hatte zwar deutlich mehr Ballbesitz, biss sich aber lange an der kompakten norwegischen Defensive die Zähne aus. Kurz vor der Pause sorgte Jude Bellingham mit einem Traumtor für den verdienten Ausgleich. Überraschend: Die beiden Superstars Harry Kane und Erling Haaland konnten dem Spiel diesmal kaum ihren Stempel aufdrücken und blieben über weite Strecken erstaunlich blass.
In der Verlängerung bewies Thomas Tuchel dann ein glückliches Händchen. Seine Einwechslungen brachten neuen Schwung, ehe ausgerechnet Norwegens Torhüter Ørjan Nyland mit einem folgenschweren Fehler das entscheidende 2:1 durch Jude Bellingham ermöglichte. England nahm das Geschenk dankend an, brachte die Führung souverän über die Zeit und zog ins Halbfinale ein.
Für Norwegen endet damit eine beeindruckende Weltmeisterschaft, bei der sich die Skandinavier mit mutigem Offensivfußball und viel Leidenschaft zahlreiche neue Fans erspielt haben. England hingegen zeigte einmal mehr, warum die Three Lions zu den ganz heißen Titelkandidaten zählen. Am Ende waren es weniger die Superstars als vielmehr die größere Qualität in der Breite und Thomas Tuchels erfolgreiche Wechsel, die den Unterschied ausmachten.
Viertelfinale: Argentinien vs. Schweiz 3:1 (nach Verlängerung)
Was für ein packendes Viertelfinale! Die Schweiz brachte den Titelverteidiger an den Rand einer echten Überraschung und lieferte Argentinien über weite Strecken einen Kampf auf Augenhöhe. Zwar köpfte Alexis Mac Allister die Albiceleste nach einer Messi-Ecke früh in Führung, doch die Eidgenossen blieben mutig, verteidigten leidenschaftlich und belohnten sich nach gut einer Stunde mit dem verdienten Ausgleich durch Dan Ndoye.
Dann folgte die Szene, die das Spiel entscheidend beeinflusste. Breel Embolo sah nach einer VAR-Überprüfung wegen einer Schwalbe die Gelb-Rote Karte. Auch wenn viele Schweizer Fans darüber diskutieren werden: Nach den TV-Bildern war die Entscheidung des Schiedsrichters letztlich absolut vertretbar.
Trotz Unterzahl stemmte sich die Schweiz mit allem, was sie hatte, gegen den Favoriten und rettete sich in die Verlängerung. Doch irgendwann war der Widerstand gebrochen. In der 112. Minute fasste sich Julián Álvarez aus der Distanz ein Herz und jagte den Ball traumhaft in den Winkel – ein absolutes Tor, das wohl in jedem WM-Rückblick seinen Platz finden wird.
Als die Schweiz anschließend alles nach vorne warf, machte Lautaro Martínez mit einem Konter in der Nachspielzeit endgültig den Deckel drauf.
Für die Schweiz endet damit eine starke Weltmeisterschaft auf sehr bittere Weise. Die Mannschaft von Murat Yakin hat eindrucksvoll bewiesen, dass sie mit den ganz Großen mithalten kann. Argentinien darf dagegen weiter vom Titel träumen. Im Halbfinale wartet nun der nächste Fußball-Klassiker gegen England – ein Duell, das schon jetzt Lust auf mehr macht.


