Ich habe absolut keine Ahnung, ob sich die FIFA um Gianni Infantino auf der einen Seite und Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme auf der anderen jemals abgestimmt haben. Falls ja, haben sie den Franzosen jedenfalls einen ganz besonderen 14. Juli beschert.
Am heutigen Nationalfeiertag, der an den Sturm auf die Bastille und den Beginn der Französischen Revolution im Jahr 1789 erinnert, wartet auf Frankreich ein sportlicher Ausnahmezustand. Am Abend steigt in Dallas das mit Hochspannung erwartete WM-Halbfinale gegen Spanien. Parallel dazu kämpft sich am Nachmittag das Peloton bei der Tour de France über eine brutale Königsetappe mit mehreren Anstiegen der höchsten Kategorie und fast 4.000 Höhenmetern. Mehr Frankreich, mehr Sport und mehr Emotionen gehen an einem einzigen Tag eigentlich nicht.
Natürlich werfen wir einen intensiven Blick auf den Fußball-Kracher in Dallas. Außerdem hat sich unser ehemaliger Schweizer Praktikant überraschend bei mir gemeldet – mit der Bitte um ein qualifiziertes Arbeitszeugnis. Diesem Wunsch komme ich selbstverständlich ebenfalls nach.
Pottis Playoff-Kompass
Einen neuen Playoff-Kompass gibt es heute nicht. Dafür flatterte heute Morgen eine E-Mail unseres ehemaligen Schweizer Praktikanten in mein Postfach.
Betreff: „Arbeitszeugnis“
Er habe sich inzwischen auf „neue Herausforderungen“ beworben und benötige dafür dringend ein qualifiziertes Zeugnis. Nach reiflicher Überlegung bin ich dieser Bitte natürlich nachgekommen.
Arbeitszeugnis
Herr ⬛⬛ war während der Fußball-Weltmeisterschaft als Praktikant im Projekt Pottis WM-Tagebuch tätig.
Zu seinen Aufgaben gehörten insbesondere:
- Dekoration des Büros mit Schweizer Nationalflaggen sowie die ungefragte Verteilung von Toblerone an sämtliche Kollegen.
- Lautstarkes und ausdauerndes Anfeuern der Schweizer Nationalmannschaft mit dem Schlachtruf „Hopp Schwiiz!“.
- Erstellung sämtlicher Turnierbäume sowie deren kreative Anpassung zugunsten der Eidgenossen – sofern das sportliche Geschehen dies nicht bereits selbst erledigte.
- Regelmäßige Fachgespräche über die angeblich beste Schokolade, den besten Käse und die schönsten Berge Europas.
Herr ⬛⬛ überzeugte durch eine außergewöhnlich optimistische Grundhaltung. Selbst bei aussichtslosen Spielständen war er fest davon überzeugt, dass die Schweiz das Turnier noch gewinnen würde.
Er zeichnete sich durch bemerkenswertes Durchhaltevermögen aus. Auch nach mehreren Personalgesprächen, einer schriftlichen Abmahnung und einem zwischenzeitlichen, mehrtägigen Aufenthalt in Zürich ließ er sich nicht von seiner Mission abbringen.
Sein Umgang mit Arbeitszeiten war kreativ. Anwesenheit verstand Herr ⬛⬛ eher als unverbindliche Empfehlung, denn als verpflichtenden Bestandteil eines Arbeitsverhältnisses.
Besonders hervorzuheben ist seine Fähigkeit, selbst kleinste Erfolge der Schweizer Nationalmannschaft wie nationale Feiertage zu zelebrieren. Bei entsprechenden Anlässen zeigte Herr ⬛⬛ zudem eine ausgeprägte Geselligkeit und stand sowohl der kulinarischen als auch der flüssigen Schweizer Kultur jederzeit offen gegenüber.
Nach dem Ausscheiden der Schweiz bei der WM beendete Herr ⬛⬛ seine Tätigkeit eigenständig und hinterließ einen ordentlichen Arbeitsplatz, 27 Schweizer Fahnen, 14 Toblerone-Verpackungen sowie eine handschriftliche Notiz mit den Worten:
„Mission erfüllt. Hopp Schwiiz.“
Wir danken Herrn ⬛⬛ für seinen unermüdlichen Einsatz im Dienste der Eidgenossenschaft und wünschen ihm für seinen weiteren beruflichen und sportlichen Weg alles Gute. Besonders empfehlen wir ihn Unternehmen mit Sitz zwischen Basel und St. Gallen sowie Organisationen, deren Corporate Identity die Farben Rot und Weiß umfasst.

Dienstag, 14. Juli – Halbfinale: Frankreich vs. Spanien – 21 Uhr
Endlich ist es so weit. Das erste WM-Halbfinale verspricht genau das, worauf Fußballfans seit Wochen gewartet haben. Frankreich gegen Spanien – zwei absolute Schwergewichte des Weltfußballs, zwei völlig unterschiedliche Philosophien und für mich das vorweggenommene Finale dieser Weltmeisterschaft.
Frankreich wirkt in diesem Turnier wie ein erfahrener Pokerspieler am Finaltisch. Keine unnötigen Risiken, keine überflüssigen Kunststücke – dafür maximale Effizienz. Die Équipe Tricolore musste bislang kaum glänzen, um ihre Gegner auszuschalten. Stattdessen verteidigt das Team äußerst diszipliniert, wartet geduldig auf den richtigen Moment und schlägt dann eiskalt zu. Genau diese Mischung macht Frankreich aktuell zur vielleicht unangenehmsten Mannschaft des gesamten Turniers.
Auf der anderen Seite steht Spanien. Die Iberer spielen einen Fußball, der phasenweise an die große Tiki-Taka-Ära erinnert. Sie kontrollieren den Ball, bestimmen das Tempo und lassen den Gegner oft minutenlang hinterherlaufen. Beeindruckend ist vor allem ihre unglaubliche Serie: Seit mittlerweile 36 Länderspielen sind sie ungeschlagen. Mit einem weiteren Erfolg könnte die Mannschaft heute sogar einen historischen Rekord aufstellen. Allein das zeigt, mit welchem Selbstvertrauen die Spanier in dieses Halbfinale gehen.
Gerade deshalb erwarte ich heute ein faszinierendes Duell der Gegensätze. Spanien wird versuchen, das Spiel an sich zu reißen, Frankreich dürfte sich davon allerdings kaum beeindrucken lassen. Die Franzosen fühlen sich fast schon wohl, wenn sie dem Gegner den Ball überlassen. Denn kaum eine Mannschaft schaltet nach Ballgewinnen so schnell und zielstrebig um. Jeder Fehlpass im spanischen Aufbauspiel könnte deshalb sofort bestraft werden.
Entscheidend wird für mich das Mittelfeld sein. Gelingt es Spanien, dort dauerhaft die Kontrolle zu übernehmen, werden sich zwangsläufig Chancen ergeben. Gewinnt Frankreich jedoch die wichtigen zweiten Bälle und hält das Zentrum kompakt, könnte genau das Spiel entstehen, das Didier Deschamps am liebsten mag: lange Geduld, wenige Chancen – und ein einziger tödlicher Angriff.
Ich rechne zunächst mit einer eher vorsichtigen Anfangsphase. Beide Trainer wissen, dass ein Fehler auf diesem Niveau oft das Aus bedeutet. Erst wenn die Kräfte in der zweiten Halbzeit nachlassen und die Räume größer werden, dürfte die Partie richtig Fahrt aufnehmen.
Mein Bauchgefühl sagt mir trotzdem, dass Frankreich am Ende knapp die Nase vorn haben wird. Nicht, weil die Franzosen den attraktiveren Fußball spielen, sondern weil sie derzeit unglaublich reif wirken und in K.O.-Spielen nahezu alles richtig machen. Spanien wird wahrscheinlich mehr Ballbesitz haben, vielleicht sogar mehr Chancen herausspielen – doch Frankreich besitzt diese außergewöhnliche Fähigkeit, genau im richtigen Moment zuzuschlagen.
Mein Tipp: Frankreich gewinnt mit 2:1 nach Verlängerung und zieht ins WM-Finale ein.
