Noch genau ein Spiel. Dann ist diese Weltmeisterschaft Geschichte. Und auch wenn ich persönlich natürlich lieber ein Endspiel Deutschland gegen England, Brasilien oder die Schweiz gesehen hätte, so hat das heutige Finale zweifellos auch seinen ganz eigenen Reiz.
Zum ersten Mal in der Geschichte einer Fußball-Weltmeisterschaft treffen im Finale der amtierende Weltmeister und der aktuelle Europameister aufeinander. Argentinien gegen Spanien. Ausgetragen wird das Finale im MetLife Stadium in East Rutherford vor den Toren New Yorks. Normalerweise tragen dort die NFL-Teams der New York Giants und New York Jets ihre Heimspiele aus. Heute Abend gehört die Bühne jedoch dem Fußball.
Für Lionel Messi steht ein weiterer historischer Abend an. Der Argentinier wird nach dem Brasilianer Cafu erst der zweite Spieler überhaupt sein, der in drei WM-Endspielen auf dem Platz steht. 2014, 2022 und nun 2026 – eine beeindruckende Konstanz auf allerhöchstem Niveau.
Auf der anderen Seite steht eine spanische Mannschaft, die sich nach einem eher holprigen Start ins Turnier von Runde zu Runde gesteigert hat. Viele Experten sprechen bereits von der goldenen Generation 2.0. Die Erinnerung an Xavi, Iniesta und die Titel zwischen 2008 und 2012 ist plötzlich wieder ganz nah.
Kurios übrigens auch der Direktvergleich der beiden Finalisten. Obwohl Spanien und Argentinien seit Jahrzehnten zur absoluten Weltspitze gehören, standen sie sich bei einer Weltmeisterschaft bislang überhaupt erst ein einziges Mal gegenüber. Das war 1966 in der Gruppenphase – damals gewann Argentinien mit 2:1.
Und dann gibt es da ja noch dieses eine berühmte Foto, das seit Tagen durchs Internet geistert. Es stammt aus dem Jahr 2007 und zeigt einen kleinen Lamine Yamal als Baby, das im Rahmen einer FC Barcelona Werbeaktion von Lionel Messi eingeseift und gebadet wird. Fast zwei Jahrzehnte später stehen sich beide nun in einem WM-Finale gegenüber. Damals hielt Messi Yamal vorsichtig in einer Plastikwanne fest – heute stellt sich eigentlich nur eine Frage: Wer seift heute Abend wen ein?
Auch auf der Ehrentribüne wird es prominent. US-Präsident Donald Trump hat sein Kommen angekündigt und soll gemeinsam mit FIFA-Präsident Gianni Infantino dem neuen Weltmeister den WM-Pokal überreichen. Auf die Reaktionen der Zuschauer darf man überaus gespannt sein. New York ist überwiegend in demokratischer Hand.
Bleibt nur noch die alles entscheidende Frage: Kann Argentinien als erste Nation seit Jahrzehnten den WM-Titel erfolgreich verteidigen? Oder bleibt Spanien auch im 38. Länderspiel in Folge ungeschlagen und krönt seine beeindruckende Entwicklung mit dem WM-Titel? Mein Tipp: Spanien gewinnt mit 3:1 und schreibt damit das nächste Kapitel seiner neuen goldenen Generation.
Das gestrige Spiel: Frankreich vs. England 4:6
Wer das Spiel um Platz drei normalerweise als besseren Trainingskick betrachtet, dürfte gestern Abend ungläubig auf die Anzeigetafel gestarrt haben. England und Frankreich verwandelten Miami kurzerhand in einen Freizeitpark für Offensivfans und produzierten in 90 Minuten zehn Tore – ungefähr so viele, wie manche Teams im gesamten Turnier erzielt haben.
Dabei sah zunächst alles nach einer englischen Machtdemonstration aus. Thomas Tuchels Elf führte zur Pause bereits mit 4:0, Bukayo Saka schnürte einen Dreierpack und Frankreich wirkte ungefähr so wach wie ein Urlauber nach einem 16-Stunden-Flug mit einer Stunde Schlaf.
Doch weil die Franzosen offenbar erst in der Halbzeit bemerkten, dass das Spiel bereits angepfiffen worden war, starteten sie eine spektakuläre Aufholjagd. Mbappé traf doppelt, Barcola legte nach – und aus einem hoffnungslosen 0:4 wurde plötzlich ein 3:4. England begann spürbar zu wackeln. Saka verschaffte den Three Lions per Elfmeter zwar wieder etwas Luft und machte seinen Hattrick perfekt, doch Dembélé verkürzte in der Nachspielzeit erneut auf 4:5. Erst Joker Jude Bellingham erlöste die Engländer wenige Augenblicke später mit dem Treffer zum 6:4-Endstand.
Unterm Strich war dieses „kleine Finale“ vermutlich das unterhaltsamste Spiel der gesamten WM. Defensivtrainer werden sich die Augen gerieben haben, neutrale Zuschauer dagegen dürften sich gefragt haben, warum nicht jedes Spiel um Platz drei so aussieht. Denn wenn schon niemand Weltmeister wird, kann man wenigstens gemeinsam für ein Ergebnis sorgen, das vom Score her eher an Eishockey oder Tennis erinnert als an Fußball.
Mein 4:1 Tipp für Frankreich war übrigens auch diesmal… naja. Zumindest lag ich mit dem Sieger richtig. Fast.“
Pottis Playoff-Kompass
Es war nicht immer einfach mit der Graphik zu Pottis Playoff-Kompass. Nicht immer waren die Linien im Turnierbaum perfekt – aber irgendwie haben wir es gemeinsam durchgezogen. Heute erreichte mich übrigens noch eine E-Mail unseres ehemaligen Praktikanten. Offenbar absolviert er inzwischen einen Online-Weiterbildungs-Kurs zum Fußball-Datenanalysten. Sein Ziel ist klar: Zur EM 2028 möchte er ins Trainerteam der Schweiz. Seine erste Analyse hat er mir gleich mitgeschickt. Sie bestand aus exakt einer Zeile:
„Wenn die Schweiz jedes Spiel gewinnt, dann wird sie Europameister.“
Ich glaube, fachlich ist bis zur EM 2028 noch ein bisschen Luft nach oben. Aber immerhin hat er jetzt drei Jahre Zeit, seine Analysen zu verfeinern.


