Vom Fernschach-Weltmeister zum Poker-Dauerbrenner: Matthias Kribben über Konstanz, Wahrnehmung und warum Ergebnisse täuschen
Wer in den letzten Jahren im King’s Casino Rozvadov oder im Grand Casino Aš gespielt hat, ist ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit schon begegnet. Denn Dr. Matthias Kribben ist dort so etwas wie ein Dauergast – und seit Jahren einer der konstantesten deutschen Turnierspieler überhaupt. Zumindest, wenn man auf die nackten Zahlen schaut: über 240 Cashes und damit Platz 2 der ewigen deutschen Rangliste.
Seriensieger Matthias Kribben
Auf den ersten Blick wirkt er unscheinbar. Und ehrlich gesagt auch deutlich jünger als seine 65 Jahre. Vielleicht liegt es an seinem Zweitwohnsitz auf Gran Canaria, wo er regelmäßig den Akku auflädt. Vielleicht aber auch daran, dass er geistig ohnehin ständig unter Strom steht.Denn der Berliner Unternehmer vereint gleich mehrere Welten: Poker, Zahlen – und Schach auf absolutem Topniveau. Kribben ist mehrfacher Fernschach-Weltmeister und aktuell die Nummer 3 der Welt. Eine Kombination, die man so nicht alle Tage trifft.
Potti: Matthias, wir kennen uns ja nun schon ein paar Jahre – lass uns direkt einsteigen. Du bist seit Jahren einer der konstantesten Turnierspieler Deutschlands und liegst mit über 240 Platzierungen im Geld auf Platz 2 der All-Time-Liste – direkt hinter Manig Loeser mit 267 Cashes. Was ist das Geheimnis dieser Konstanz – und ist Platz 1 für dich ein Ziel?
Dr. Matthias Kribben: Ich werde gemäß Geburtsurkunde bald 66, bin aber medizinisch erst 44 und fühle mich wie 33 – und nach Turniersiegen wie 22 😉Erst 2017 habe ich mit Poker begonnen und während Corona hatte ich Muße mich intensiv mit der Theorie zu beschäftigen. Seit 2023 schaffe ich in jedem Jahr die meisten Cashes aller deutschen Spieler, im vergangenen Jahr beispielsweise 78 Cashes bei 200 Turnieren. Dadurch komme ich automatisch auf Platz 1 in der ewigen deutschen Rangliste, auch wenn das nicht explizit mein Ziel war. Großes Ziel ist aber im Jahr 2026 die Nummer 1 in Europa zu werden und weltweit in die Top10 zu kommen, wozu über 100 Cashes in diesem Jahr nötig sein werden.
Potti: Viele Spieler jagen den großen Score. Du hingegen sammelst konstant Ergebnisse. Ist das ein bewusster Ansatz?
Dr. Matthias Kribben: Ja, mir machen die mittleren Turniere mit netten Leuten in einer entspannten Atmosphäre den größten Spaß. Außer in Las Vegas spiele ich immer gerne in Bratislava, Malta, in Aš und besonders gerne im Kings, wo ich schon 19 Turniere gewinnen konnte.
Potti: Deine Stärken sind Rechenfähigkeit, Geduld und Nervenstärke – was davon ist am Tisch am wertvollsten?
Dr. Matthias Kribben: Vermutlich macht es die Mischung – alles zu seiner Zeit oder in Kombination! Offenbar besitze ich einige Skills, die mir beim Pokern zugutekommen und dazu gehört auch das realistische Einschätzen der eigenen Situation und das richtige Einschätzen der Mitspieler, beispielsweise hinsichtlich der jeweiligen Range.
Potti: Mit einem Lächeln sagst du, dass du oft erkennst, wenn jemand blufft. Verrätst du uns dein Geheimnis? Oder ist es am Ende doch nur Erfahrung?
Dr. Matthias Kribben: Im Rahmen meiner beruflichen Beratungstätigkeit habe ich über 10.000 Kundengespräche geführt und dadurch hat sich die Fähigkeit entwickelt, Menschen mit ihren Aussagen und Handlungen rasch und sehr oft richtig einzuschätzen.
Potti: Du bist vierfacher Fernschach-Mannschaftsweltmeister und Vize-Weltmeister im Einzel. Fühlt sich Erfolg im Schach anders an als im Poker? Und was unterscheidet einen Weltklasse-Spieler wirklich von einem sehr guten Fernschach-Spieler?
Dr. Matthias Kribben: Absolut anders! Beim Schach besiegt man in jeder Partie ja nur maximal einen Gegner, während man beim Poker diese wunderbare Dynamik hat, zunächst im Rahmen eines Nullsummenspieles am 8er- oder 9er-Tisch. Und dann wird das Feld immer kleiner, Entscheidungen werden wichtiger und das Feld schrumpft. Schachsiege bringen meist ein allmähliches Glücksgefühl, Pokern ein kurzes und heftiges. Ich war nach Turniersiegen beim Pokern aber auch schon mal unzufrieden, wenn ich einen schlechten Move gemacht hatte und nur durch Glück das Turnier gewann. Umgekehrt bin ich aber zufrieden, wenn ich weiß, dass ich richtig gespielt habe und nur unglücklich in einer 80:20-Situation ausgeschieden bin. Ich bewerte mich also weniger an Ergebnissen als an der Qualität meiner Entscheidungen.
Potti: Du sagst, Schachspieler seien objektiver als Pokerspieler, weil sie durch Elo-Zahl oder DWZ ihre Stärke genau kennen. Fehlt dem Poker ein vergleichbares Bewertungssystem – und ist das der Grund, warum sich so viele Spieler überschätzen?
Dr. Matthias Kribben: Verzerrte Wahrnehmung ist eines der zentralen Phänomene beim Pokern! Fast jeder Spieler glaubt, er verliert überdurchschnittlich häufig mit Assen, er verliert fast immer mit KK gegen Ax, er kommt nach “Table broken“ sofort in die Blinds. Auf der anderen Seite haben viele Spieler aber eine marginale Lieblingshand wie 42, mit der sie glauben, überdurchschnittlich oft erfolgreich zu sein. Alles verzerrte Wahrnehmungen, was mich immer zum Schmunzeln bringt.
Potti: Und hättest du eine Idee, wie man echte Spielstärke im Poker messbar machen könnte?
Dr. Matthias Kribben: Ja klar, viele Ideen! Basis könnten die Platzierungen sein, gewichtet mit den Spielstärken der Gegner. Oder einfach der Quotient aus Zahl der Bullets und erreichte ITM. Oder der Quotient aus FT-Teilnahmen im Verhältnis zur Spielerzahl. Oder man nimmt den Solver zur Messlatte und lässt jeden Spieler tausend Situationen bewerten und misst dann die Entscheidungsqualität. Aber ich würde Poker so lassen wie es ist, sodass sich jeder Spieler als sehr stark einstuft, wenn doch bloß nur die guten Hände halten 😉
Potti: Schulschach liegt dir sehr am Herzen. Was müsste in Deutschland passieren, damit Denken generell wieder stärker gefördert wird?
Dr. Matthias Kribben: Das Schulsystem sollte insofern reformiert werden, dass es weniger Frontalunterricht gibt, sondern in Kleingruppen müssen Lösungen erarbeitet werden. So oft wie möglich auf spielerischem Weg und mit viel Spaß, weil sich das dann besser einprägt.
Potti: Und könntest du dir vorstellen, dass Poker – ähnlich wie in Norwegen – als Werkzeug für strategisches Denken an Universitäten oder sogar in den Oberstufen der Schulen eingesetzt wird? Wenn ja: Was kann Poker vermitteln, was klassische Fächer nicht leisten?
Dr. Matthias Kribben: Demut, Geduld, Ausdauer und gezielten Einsatz der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dinge, die jeder fürs Leben gut gebrauchen kann!
Potti: Schach960 wurde entwickelt, um Kreativität über Auswendiglernen zu stellen. Bräuchte Poker mehr solcher “Schach960-Momente“? Und hat das Spiel durch Solver und Charts vielleicht etwas von seiner ursprünglichen Kreativität verloren? Wenn ja: Wie könnte man gegensteuern?
Dr. Matthias Kribben: Hier muss man wohl zwischen Online- und Live-Poker unterscheiden. Online-Poker hat verstärkt wissenschaftliche Elemente, während Live-Poker sicher unverändert durch Emotionen und Kreativität geprägt ist und sein wird!
Ein Gespräch über Zahlen, Geduld – und die vielleicht wichtigste Fähigkeit im Poker: sich selbst richtig einzuschätzen.






