Michael Körner gehört seit vielen Jahren zu den markantesten Stimmen im deutschen Sport- und Pokerkosmos. Ob große Pokerübertragungen, Basketball-Bundesliga, NBA oder der YouTube-Kanal PokerTotal: Wenn Körner kommentiert, hört man nicht nur Fachwissen, sondern auch Leidenschaft, Tempo und diesen ganz eigenen Körner-Sound, der irgendwo zwischen Sportjournalismus, Wohnzimmerstimmung und gepflegter Eskalation liegt.
Ich kenne Michael inzwischen seit rund 20 Jahren. Entsprechend wird dieses Gespräch kein distanziertes „Herr Körner, wie bewerten Sie die aktuelle Lage?“-Interview, sondern ein persönlicher Austausch über Poker, Live-Kommentare, besondere Spieler, alte Weggefährten und die Frage, warum Poker für Kommentatoren manchmal Geschenk und manchmal Falle zugleich sein kann.
Potti: Michael, du kommst aus Hagen, einer Stadt, die im deutschen Basketball fast schon mythischen Status hat. Trotzdem bist du für viele Pokerfans längst auch eine feste Stimme am Pokertisch. Wie bist du zum Poker gekommen – und war es für dich am Anfang eher ein strategisches Spiel, ein spannendes TV-Produkt oder einfach ein weiterer Sport, den man erzählen kann?
Michael Körner: Anfangs war es eher ein Abenteuer. Es gab ein Rechtepaket für das damalige DSF mit Darts, Bowling und Poker. Der damalige Chefredakteur kannte meine Leidenschaft fürs Gamblen und hat nur die Paketsendungen zugeteilt. Das war 2004. Was ich nie verstanden habe, warum eigentlich nie Bowling gezeigt wurde.
Potti: Von außen wirkt Poker-Kommentieren manchmal simpel: Karten ablesen, Wahrscheinlichkeiten erklären, fertig. Was verstehen Zuschauer dabei am meisten falsch?
Michael Körner: Oh, da gibt es vieles. Ich glaube viele unterschätzen, wie lange so Turniere dauern. Und dass es natürlich auch eine Glückskomponente gibt, aber eben das Können auch nicht ganz unwichtig ist.
Potti: Du bist der Lead Guy des YouTube-Kanals PokerTotal. Was macht für dich den besonderen Reiz dieses neuen Formats aus?
Michael Körner: PokerTotal ist aus unterschiedlichen Gründen noch ein sehr kleines Projekt. Am Ende möchte ich daraus eine Plattform machen, die völlig unabhängig von der großen weiten Pokerwelt berichtet. Es gibt so viele Geschichten, aber wir erzählen sie nicht.
Potti: Wie bereitest du dich auf eine große Pokersendung vor? Spielerprofile, frühere Hände, Tischdynamiken, aktuelle Ergebnisse – oder ist Poker am Ende so unberechenbar, dass man zwar vorbereitet sein muss, aber live ohnehin alles anders kommt?
Michael Körner: Spielerprofile sind schon wichtig. Und auch Storytelling, was abseits vom Pokertisch stattfindet. Wenn Shaun Deeb seine Oma zum Main Event einlädt oder solche Sachen. Ich finde diese Geschichten haben genauso ihre Berechtigung wie ICM-Theorien.
Potti: Nach zigtausend Sendungen: Gibt es vor einer Live-Pokersendung noch dieses Kribbeln, wenn der Countdown läuft? Oder ist das inzwischen reine Handwerksroutine?
Michael Körner: Also für Kribbeln bin ich vermutlich der falsche Typ. Ich mache jetzt seit 36 Jahren Sportberichterstattung, da „kribbelt“ es dann irgendwann nicht mehr. Was ich aber unverändert habe, ist die Liebe zum Spiel. Sowohl Basketball (meinem zweiten Standbein) als auch Poker finde ich großartig. Ich kann mich mit beiden Spielen stundenlang beschäftigen. Und ich empfinde immer, also eigentlich wirklich immer, Freude an der Arbeit. Ich bin allerdings noch nie nervös gewesen, deswegen fällt das Kribbeln aus.
Potti: Es gibt Pokerspieler, bei denen Kommentatoren innerlich jubeln, wenn sie am Tisch Platz nehmen. Weil sie reden, polarisieren, leiden oder einfach eine gewisse Aura haben. Wer ist das bei dir – und warum wird die Sendung dann automatisch besser?
Michael Körner: Das gib es mehrere. Ich war schon immer ein Fan davon, Phil Hellmuth am Tisch zu haben, weil dann in den meisten Fällen immer was passiert. Ich mag eher Spieler, die den Tabletalk in Gang bringen. DNegs natürlich. In geringen Dosen auch Martin Kabrhel. Auch wenn ich Vogelsang und Haxton gerne spielen sehe, aber so Vollvermummung ist nicht mein Ding. Das würde ich ehrlich gesagt auch verbieten. Ich kann aber auch stundenlang gutes Cashgame anschauen, ohne das viel passiert.
Potti: Nach so vielen Jahren in der Szene entstehen ja nicht nur Kontakte, sondern manchmal auch echte Beziehungen. Gibt es Pokerspieler, bei denen aus beruflichem Kontakt über die Jahre echte Verbundenheit oder sogar Freundschaft geworden ist?
Michael Körner: Es besteht immer noch ein Draht zu den alten Schlachtrössern Heitmann und Danzer, auch wenn man sich nicht regelmäßig sieht. Mit Sam Ju bin ich befreundet, eine sehr interessante Persönlichkeit.
Potti: Du spielst selbst viele Online-Poker-Turniere. Ist das für dich Entspannung, sportlicher Ehrgeiz, Gehirnjogging – oder auch ein Weg, nah an dem Spiel zu bleiben, das du kommentierst? Und welche Variante reizt dich persönlich am meisten?
Michael Körner: Ja, ich spiele tatsächlich relativ viel. Tatsächlich bin ich ein großer Freund der Mixed Games. 8 Game liebe ich. Aber natürlich wird auch NLHE gespielt, allerdings fast immer Turboturniere.
Potti: Wie knapp bist du eigentlich schon einmal an einem Online-Bracelet vorbeigerauscht? Und wenn du heute auf Online-Poker schaust, mit Solvern, Studygroups und immer professionelleren Strategien: Ist das Spiel für dich spannender und anspruchsvoller geworden – oder manchmal auch schwerer zu erzählen?
Michael Körner: Ich war vor etlichen Jahren einmal 13. und einmal 16. bei der Sunday Million, als diese noch größer war. Um ein Online Bracelet habe ich noch nicht gespielt. Die Sache mit den Solvern finde ich natürlich sehr spannend und beschäftige mich damit auch ausführlich. Aber ich mache damit keine eigenen Analysen.
Potti: Du spielst auch Schach. Hilft das beim Poker – oder ist das eher eine romantische Vorstellung von Leuten, die beides gerne intellektuell überhöhen?
Michael Körner: Ich glaube nicht, dass es beim Poker hilft. Ich liebe einfach strategisch angehauchte Spiele. Und mich treibt da auch der Ehrgeiz, mich zu verbessern.
Potti: Jetzt bitte nicht diplomatisch rausdribbeln: Was kommentierst du persönlich lieber? Und wenn du dich für einen perfekten Abend entscheiden müsstest – Game 7 in den NBA Finals oder Final Table beim WSOP Main Event?
Michael Körner: Da muss ich nicht eine Sekunde nachdenken. Natürlich Spiel 7 der NBA Finals. Das ist mit das Größte, was es im Sport gibt.
Potti: Wie muss Poker im deutschsprachigen Raum heute erzählt werden, damit wieder mehr Menschen hängenbleiben? Braucht es bessere Streams, mehr Persönlichkeiten, mehr Entertainment, mehr Einsteigerformate – oder einfach wieder größere Geschichten und Charaktere wie früher ein Phil Ivey, Gus Hansen oder Phil Hellmuth?
Michael Körner: Oh, das ist ein sehr komplexes Thema. Persönlichkeiten und Charaktere sind meines Erachtens sehr wichtig. Aber aus unterschiedlichen Gründen ziehen sich die jüngeren Spieler sehr stark aus der Öffentlichkeit zurück. Oder sie sehen keinen Vorteil vor einer Kamera zu stehen. Uns hat bei der WSOPE ein deutscher Spieler gesagt, was habe ich davon, wenn ich euch ein Interview gebe? Dann wird es natürlich schwierig. Solche Spieler vergessen, dass gute Sendungen auch dazu beitragen, dass Turniere zahlreich gespielt werden. Ich bin auch ein Freund von klaren sportlichen Strukturen. Ich sehe z.B. die EPT nicht als Konkurrenz zur WSOP. Aber dahinter stecken konkurrierende Online-Plattformen. Das sorgt dann wieder für eine gewisse Kannibalisierung.
Potti: Technikpanne, Lachflash, falscher Name, eskalierender Spieler, völlig absurde Pokerszene: Was ist dir in all den Jahren am kuriosesten in Erinnerung geblieben bei einer Pokerübertragung?
Michael Körner: Ich denke, da wirst Du mir zustimmen. Am ehesten bleiben einem die teilweise sehr langen Livestreams in Erinnerung. Die hast Du noch deutlich mehr durchgezogen als ich. Ich denke auch sehr gerne an unsere Produktionen von „German Híghroller“. Das war hochprofessionell produziert, leider auch sehr teuer, aber unfassbar schön. Man merkt wie so oft erst später, wie viel Spaß das gemacht hat.
Potti: Du und Frank „Buschi“ Buschmann – ihr kommt beide aus Hagen, wart sogar auf der gleichen Schule, ähnlicher Weg – jedoch zwei sehr unterschiedliche Stile. Du hast mal gesagt, er war immer der Offensivere. Beim Kommentieren, bei den Mädels und vermutlich auch beim Betreten eines Raumes. War Buschi eigentlich schon früh Buschi?
Michael Körner: Da würde ich ein klares Ja sagen. Ich kenne ihn seit 40 Jahren. Und auch wenn er jetzt sagen würde „ich bin doch deutlich ruhiger geworden“, da antworte ich: Mag sein, aber Du bist natürlich immer noch Buschi.
Potti: Wir kommen zum Ende. Keine Weisheiten, keine drei Tipps. Nur ein einziger Satz: Was muss jemand verstehen, der Kommentator werden und in diesem Beruf wirklich gut werden will?
Michael Körner: Man muss zu 100% bei sich selbst bleiben. Authentisch sein ist das A und O.
Potti: Und natürlich Pflichtfrage zum Abschluss: Heute Nacht beginnen die NBA Finals. Die San Antonio Spurs treffen auf die New York Knicks. Wer macht es?
Michael Körner: San Antonio Spurs in 6.
