Ich muss ehrlich zugeben: Mir fehlen nach dem gestrigen Auftritt ein Stück weit die Worte. Nicht, weil Deutschland ausgeschieden ist – Niederlagen gehören zum Sport dazu. Sondern weil diese Mannschaft erneut genau das gezeigt hat, was sie seit Jahren begleitet: zu wenig Tempo, zu wenig Mut, zu wenig Leidenschaft und viel zu wenig Ausstrahlung. Nach 120 Minuten blieb bei mir vor allem ein Gefühl zurück: Fassungslosigkeit. Und die ernüchternde Erkenntnis, dass sich die Geschichte scheinbar immer wieder wiederholt. Genug der Wehmut – das Turnier geht weiter, und es gibt noch genug zu tippen.
Pottis Playoff-Kompass
Die Idee war eigentlich simpel: DACH-Teams verfolgen, mitfiebern und auf den ganz großen Wurf hoffen. Leider hat Deutschland beschlossen, diesen Plan frühzeitig zu durchkreuzen. Einmal kräftig mit dem Radiergummi über den Turnierbaum – und schon ist aus DACH nur noch ACH geworden.
Ab sofort gehören meine Daumen also Österreich und der Schweiz. Schauen wir mal, ob das ACH-Duo die deutschsprachigen Farben noch ein bisschen länger hochhalten kann.
In der beigefügten Grafik hat sich die KI für die übrigen Spiele der ersten K.-o.-Runde übrigens ungefragt selbstständig gemacht. Ich lasse ihre Tipps einfach mal stehen – zum Vergleich. Für Österreich fällt die Prognose allerdings wenig erfreulich aus, die Schweiz wäre immerhin eine Runde weiter. Aus österreichischer Sicht bleibt also zu hoffen, dass sich die künstliche Intelligenz diesmal einfach gründlich verrechnet hat.
Sechzehntelfinale: Brasilien vs. Japan 2:1
Brasilien ist mit einem blauen Auge davongekommen. Vor allem in der ersten Halbzeit brachte Japan den Rekordweltmeister mit seinen brandgefährlichen Kontern immer wieder in große Schwierigkeiten und ging folgerichtig mit 1:0 in Führung. Erst nach dem Seitenwechsel übernahm die Seleção mehr und mehr die Kontrolle. Casemiro glich per Kopf aus, ehe Joker Gabriel Martinelli in der fünften Minute der Nachspielzeit den viel umjubelten Siegtreffer erzielte. Japan war nur wenige Augenblicke von der Sensation entfernt und verabschiedet sich mit Stolz und erhobenem Haupt. Brasilien steht zwar im Achtelfinale, weiß nach diesem Kraftakt aber auch, dass eine deutliche Leistungssteigerung nötig sein wird, wenn man hier noch ein paar Runden überstehen möchte.
Sechzehntelfinale: Deutschland vs. Paraguay 1:1 (3:4 n.E.)
Ich muss ehrlich sagen: Das Ausscheiden an sich trifft mich mittlerweile emotional kaum noch. Die Identifikation mit dieser Nationalmannschaft habe ich über die vergangenen Jahre leider Stück für Stück verloren. Was mich dagegen fassungslos und regelrecht entsetzt macht, ist die Art und Weise, wie sich diese Mannschaft präsentiert hat.
Deutschland verfügt über einen Kader, der individuell auf jeder Position besser besetzt ist als Paraguay – und trotzdem wirkt alles irgendwie komplett ideenlos, behäbig und berechenbar. Ballbesitz ohne Tempo, Flanken ohne Abnehmer, Angriffe ohne Überraschungsmoment. Gefühlt hatte jeder Zuschauer im Stadion schon fünf Sekunden vorher eine Ahnung, was als Nächstes passieren würde. Paraguay musste keinen Zauberfußball spielen. Leidenschaft, Disziplin und ein klarer Plan reichten völlig aus, um Deutschland vor riesige Probleme zu stellen.
Natürlich kann man jetzt auf den VAR zeigen, der Jonathan Tah in der Verlängerung einen regulären Treffer aberkannt haben soll. Natürlich war das bitter. Aber wer ernsthaft glaubt, dass ein möglicher Schiedsrichterfehler über 120 Minuten diese Vorstellung kaschiert, macht es sich zu einfach. Eine Spitzenmannschaft macht vorher den Sack zu und ist gar nicht erst darauf angewiesen, dass der Videoschiedsrichter die richtige Linie zieht.
Seit Jahren wird nach jedem großen Turnier ein Neuanfang ausgerufen. Neue Spieler, neue Ideen, neuer Trainer – die Schlagzeilen ändern sich, das Ergebnis bleibt erschreckend ähnlich. 2018 Gruppenphase. 2022 Gruppenphase. Jetzt das Aus bereits im Sechzehntelfinale. Irgendwann muss man akzeptieren, dass das keine Betriebsunfälle sind, sondern ein Muster.
Glückwünsche an Paraguay. Sie haben sich das Weiterkommen absolut verdient. Die Südamerikaner haben mit Herz, Leidenschaft und einer klaren taktischen Idee gespielt. Deutschland dagegen wirkte nicht wie eine Mannschaft, die unbedingt Weltmeister werden will. Und genau das ist für mich die größte Enttäuschung dieses Abends. Nicht das Ausscheiden. Sondern die Erkenntnis, dass dieses Team erneut kaum Emotionen entfacht und den Glauben daran schuldig bleibt, gemeinsam etwas Großes erreichen zu können.
Sechzehntelfinale: Niederlande vs. Marokko 1:1 (2:3 n.E.)
Was für ein Krimi! Die Niederlande wähnten sich nach dem späten Führungstreffer von Cody Gakpo bereits auf dem Weg ins Achtelfinale, doch Marokko gab sich nicht geschlagen. Tief in der Nachspielzeit köpfte Issa Diop zum umjubelten 1:1 ein und zwang Oranje damit in die Verlängerung. Dort schenkten sich beide Teams nichts, ehe die Entscheidung – wie zuvor bereits zwischen Deutschland und Paraguay – vom Punkt fallen musste.
Im Elfmeterschießen behielt Marokko die besseren Nerven. Torhüter Yassine Bounou avancierte einmal mehr zum Matchwinner und parierte den entscheidenden Strafstoß, ehe Ismael Saibari den letzten Elfmeter eiskalt verwandelte. Die Niederlande verabschieden sich trotz einer insgesamt ordentlichen Leistung aus dem Turnier, während Marokko erneut seine enorme Mentalität unter Beweis stellt, und unterm Strich verdient ins Achtelfinale einzieht.
Dienstag, 30. Juni – die Paarungen
Sechzehntelfinale: Elfenbeinküste vs. Norwegen – 19 Uhr
Für mich ist das die wohl ausgeglichenste Partie des gesamten Sechzehntelfinales. Auf der einen Seite steht eine enorm athletische und physisch starke Elfenbeinküste, die bislang mit Tempo, Zweikampfhärte und mannschaftlicher Geschlossenheit überzeugt hat. Auf der anderen Seite wartet Norwegen – und damit eine Mannschaft, die jederzeit durch einen einzigen Spieler den Unterschied machen kann: Erling Haaland. Der Torjäger hat bereits vier Treffer erzielt und ist in Topform. Unterstützt wird er von Martin Ødegaard, der das norwegische Offensivspiel mit seinen präzisen Pässen lenkt.
Die Elfenbeinküste verfügt allerdings über genügend Qualität in der Defensive, um Haaland zumindest phasenweise aus dem Spiel zu nehmen, und besitzt mit Amad Diallo, Nicolas Pépé und dem pfeilschnellen Yan Diomande selbst enorme Offensivwaffen. Ich erwarte einen offenen Schlagabtausch mit reichlich Chancen auf beiden Seiten.
Mein Tipp: Die Buchmacher sehen Norwegen einigermaßen deutlich vorne. Ich sehe dagegen ein echtes 50:50-Spiel, bei dem sich am Ende – zugegeben, ein wenig Sympathie spielt bei meinem Tipp mit – Norwegen knapp mit 3:2 durchsetzt und ins Achtelfinale einzieht.
Sechzehntelfinale: Frankreich vs. Schweden – 23 Uhr
Frankreich geht als klarer Favorit in dieses Duell. Die Schweden werden wie gewohnt leidenschaftlich verteidigen und körperlich dagegenhalten, doch genau darin liegt auch ihre größte Herausforderung. Denn die französische Offensive besitzt so viel Tempo und Kreativität, dass sie jede Abwehrreihe durcheinanderwirbeln kann. Mbappé, Dembélé und Olise werden die schwedische Defensive vor unlösbare Aufgaben stellen.
Mein Tipp: Schweden kämpft zwar aufopferungsvoll, kann die Wucht der Franzosen aber nicht bremsen. Frankreich gewinnt souverän mit 3:0 und wird in der nächsten Runde zeigen, wie man gegen Paraguay spielt.
Sechzehntelfinale: Mexiko vs. Ecuador – 03.00 Uhr
Dieses Duell dürfte deutlich enger werden, als viele erwarten. Beide Mannschaften leben von ihrer Intensität, ihrem enormen Laufpensum und einer beeindruckenden Mentalität. Während Mexiko spielerisch oft die feinere Klinge führt, bringt Ecuador viel Physis und Zweikampfhärte mit. Kleinigkeiten könnten am Ende den Unterschied machen.
Mein Tipp: Lange sieht alles nach Verlängerung aus, doch getragen von einer gewaltigen Stimmung auf den Rängen wirft Mexiko in der Schlussphase noch einmal alles nach vorne. Die größere Erfahrung in K.o.-Spielen gibt schließlich den Ausschlag. Mexiko gewinnt knapp mit 2:1 und zieht in die Runde der letzten 16 ein.


