Wow, Kap Verde! Der kleine Inselstaat hatte den amtierenden Weltmeister letzte Nacht tatsächlich am Rande einer Sensation. Argentinien wankte gewaltig und rettete sich erst mit den allerletzten Kraftreserven über die Ziellinie. Was für ein Spiel! Genau deshalb lieben wir Weltmeisterschaften. So muss WM!
Apropos verrückte Geschichten: Erst zweimal in der Geschichte hatte Australien zuvor bei einer Fußball-WM die K.O.-Runde erreicht. Zweimal schied man denkbar knapp in Runde eins aus – und zweimal wurde der Gegner anschließend Weltmeister! 2006 war es Italien, 2022 Argentinien. Gestern Nacht schrieb Australien das dritte Kapitel dieser kuriosen Geschichte: Wieder scheiterten die Socceroos hauchdünn in der ersten Runde – diesmal gegen Ägypten. Wenn diese Serie hält, können wir den WM-Pokal eigentlich schon vorsorglich nach Kairo schicken.
Allerdings sind Serien bekanntlich auch dazu da, irgendwann zu reißen. Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass genau das in diesem Jahr passieren wird.
Ganz sicher ist dagegen: Das Achtelfinale ist komplett. Alle acht Paarungen stehen fest, die ganz großen Duelle können beginnen. Ab sofort gibt es maximal noch zwei WM-Spiele pro Tag – dafür aber fast ausschließlich Hochkaräter. Kaum zu glauben, aber in gerade einmal 15 Tagen ist der ganze Zauber schon wieder vorbei. Also genießen wir jede einzelne Partie, solange sie noch läuft.
Pottis Playoff-Kompass
Die Gruppenphase war das Warmlaufen. Im Sechzehntelfinale mussten einige Favoriten bereits einen oder zwei Gänge hochschalten, um überhaupt weiterzukommen. Jetzt geht es nur noch ums nackte Überleben. Vollgas. Verlieren verboten. Und der Turnierbaum hält einige absolute Leckerbissen bereit. Brasilien gegen Norwegen, Mexiko gegen England, Spanien gegen Portugal – da dürfte selbst der neutralste Fußballfan Schwierigkeiten haben, rechtzeitig ins Bett zu kommen.
Besonders gespannt bin ich auf Gastgeber Mexiko. Die Heimkulisse wird die Engländer 90 Minuten lang bearbeiten, als hätten sie ihnen gerade den letzten Taco weggegessen. Ob Harry Kane & Co. diesem Hexenkessel standhalten? Wir werden es erleben.
Auch die Schweiz darf weiter vom großen Coup träumen. Die Nati trifft am Dienstag auf Kolumbien und hält damit die letzten Hoffnungen des DACH-Projekts am Leben. Mal sehen, wie lange die Alpenfraktion noch im Rennen bleibt.
Und noch ein Hinweis zur Grafik: Sollten Verbindungslinien, Pfeile oder Turnierpfade nicht zu hundert Prozent stimmen, liegt das nicht am System und nicht an euren Augen – sondern an unserer Grafikabteilung. Die befindet sich weiterhin im verlängerten Sommerurlaub. Der Praktikant arbeitet inzwischen in Doppelschichten, verlangt aber langsam mehr als Mindestlohn. Frechheit eigentlich.
Die gestrigen Spiele
Sechzehntelfinale: Australien vs. Ägypten 3:5 n. E.
Ägypten steht erstmals überhaupt nach einem gewonnenen K.O.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft im Achtelfinale. Unterm Strich geht das auch in Ordnung, denn über die gesamte Spielzeit wirkten die Nordafrikaner reifer, kontrollierter und hatten insgesamt mehr Spielanteile sowie die besseren Torchancen. Australien hielt mit viel Leidenschaft dagegen, musste sich am Ende aber knapp geschlagen geben.
Für mich bleibt trotzdem eine Szene völlig rätselhaft: der Torwartwechsel unmittelbar vor dem Elfmeterschießen. Der australische Keeper hatte zuvor ein überragendes Spiel gemacht, mehrfach glänzend pariert und seinem Team überhaupt erst die Chance auf das Elfmeterschießen ermöglicht. Warum man ausgerechnet ihn in diesem Moment vom Platz nimmt, erschließt sich mir beim besten Willen nicht.
Noch kurioser: Die Elfmeter der Ägypter waren nun wirklich alles andere als WM-reif geschossen. Trotzdem konnte der eingewechselte Keeper keinen einzigen Strafstoß parieren – ja, er bekam nicht einmal eine einzige Ballberührung.
War dieser Wechsel vorher abgesprochen oder sogar der Wunsch des Keepers, nehme ich alles zurück. Falls nicht, gehört diese Entscheidung für mich zu den kuriosesten Trainer-Moves dieser Weltmeisterschaft.
Sechzehntelfinale: Argentinien vs. Kap Verde 3:2 n.V.
Da lag ich komplett daneben. Mein 3:0-Tipp für Argentinien lag meilenweit daneben. Und damit war ich nicht allein: Auch zahlreiche Experten hatten mit einer klaren Angelegenheit gerechnet. Stattdessen bekamen wir eines der spektakulärsten Spiele dieser Weltmeisterschaft zu sehen.
Kap Verde spielte völlig furchtlos auf und brachte den amtierenden Weltmeister gleich zweimal an den Rand des Ausscheidens. Lionel Messi brachte Argentinien zwar in Führung, doch die „Blauen Haie“ fanden immer wieder eine Antwort. Selbst als Lisandro Martínez die Albiceleste in der Verlängerung erneut nach vorne brachte, schlug Kap Verde durch einen Traumtreffer noch einmal zurück. Erst in der 111. Minute fiel nach einer Messi-Ecke und einer unglücklichen Abfälschung das entscheidende 3:2 für Argentinien.
Fazit: Argentinien ist weiter – aber der eigentliche Gewinner des Abends heißt Kap Verde. Der WM-Neuling hat sich mit seinem mutigen Auftritt in die Herzen der Fußballfans gespielt und den Titelverteidiger bis an dessen Grenzen gebracht. Wer dieses Spiel gesehen hat, wird den Namen Kap Verde so schnell nicht mehr vergessen.
Sechzehntelfinale: Kolumbien vs. Ghana 1:0
Das letzte Ticket fürs Achtelfinale geht an Kolumbien – und daran gab es eigentlich keine großen Zweifel. Die Südamerikaner kontrollierten die Partie von Beginn an, gingen bereits früh durch Jhon Arias in Führung und hatten das Spiel anschließend jederzeit im Griff. Ghana blieb über weite Strecken erstaunlich harmlos und brachte die stabile kolumbianische Defensive kaum ernsthaft in Verlegenheit.
Kolumbien hätte das Ergebnis sogar noch deutlicher gestalten können, ließ jedoch einige gute Möglichkeiten ungenutzt. Am Ende reichte das 1:0 trotzdem völlig aus, um verdient in die nächste Runde einzuziehen. Dort wartet nun mit der Schweiz ein Gegner, der bislang ebenfalls einen äußerst souveränen Eindruck hinterlassen hat. Ich freue mich schon jetzt auf dieses Duell – das könnte deutlich enger werden als das heutige Spiel.

Samstag, 04. Juli – die Paarungen von heute
Ab jetzt immer nur noch maximal 2 Paarungen pro Tag (Nacht)
Achtelfinale: Paraguay vs. Frankreich – 19 Uhr
Ich gebe zu: Es fühlt sich immer noch ungewohnt an, hier über Paraguay zu schreiben. Eigentlich hätte an dieser Stelle Deutschland stehen sollen. Alles war angerichtet für ein großes Nachbarschaftsduell gegen Frankreich – stattdessen verabschiedete sich die DFB-Elf im Elfmeterschießen, und Paraguay darf weiter vom WM-Märchen träumen. Länger aber wohl nicht.
Ich bin überzeugt: Frankreich wird heute demonstrieren, wie man Paraguay knackt. Die Südamerikaner leben von ihrer leidenschaftlichen Defensive, ihrer Disziplin und ihrer Fähigkeit, den Rhythmus des Gegners zu zerstören. Die Franzosen verfügen allerdings über genau die Qualität, um diesen Abwehrriegel auseinanderzuspielen: hohes Tempo, schnelle Seitenwechsel und jede Menge individuelle Klasse. Nach dem souveränen 3:0 gegen Schweden werden die Bleus heute das paraguayische WM-Märchen beenden und mit einem 3:0 souverän ins Viertelfinale einziehen.
Achtelfinale: Kanada vs. Marokko – 23 Uhr
Kanada gegen Marokko – auf dem Papier vielleicht nicht das glamouröseste Achtelfinale, sportlich aber eines der spannendsten. Interessant ist vor allem der Blick auf die Wettquoten: Die Buchmacher sehen Marokko überraschend deutlich vorne. Ganz so eindeutig fällt meine Einschätzung allerdings nicht aus. Die Nordafrikaner haben mich im bisherigen Turnierverlauf absolut überzeugt, dennoch sehe ich sie eher als knappen, denn als klaren Favoriten.
Kanada wird heute alles in die Waagschale werfen müssen. 120 Prozent Einsatz, jeder Zweikampf, jeder Sprint und jede Grätsche müssen sitzen. Dazu braucht es ein Publikum, das die Mannschaft über 90 Minuten nach vorne peitscht. Nur wenn beides zusammenkommt, haben die Kanadier eine realistische Chance auf den Einzug unter die letzten Acht.
Trotzdem glaube ich an Marokko. Die Nordafrikaner bringen für mich das etwas komplettere Gesamtpaket mit. Defensiv stehen sie äußerst stabil, schalten blitzschnell um und haben im bisherigen Turnier eindrucksvoll bewiesen, dass sie auch gegen spielstarke Gegner bestehen können. Genau diese Mischung dürfte am Ende den Unterschied machen.
Mein Tipp: Kanada verkauft sich teuer, doch am Ende setzt sich Marokko mit 2:1 durch und zieht verdient ins Viertelfinale ein.

